Vom Widerstand ein guter Patient zu sein.

Ein Erfahrungsbericht vom Zuhause begleiten von Ingrid Marth.

Fast 70 % der Menschen wünschen sich, dass sie zu Hause sterben können, in der Realität schaffen es vielleicht 20 %. Von den 70 % stirbt etwa die Hälfte in einem Krankenhaus. Die meisten möchten plötzlich und aus guter gesundheitlicher Verfassung heraus sterben, ohne dass sie Abschied nehmen oder wichtige Dinge regeln können.
Wir Menschen fürchten den Tod und haben uns angewöhnt, ihn möglichst nicht bewusst in unser Leben zu lassen. Lieber verdrängen wir die Tatsache unserer eigenen Vergänglichkeit. Wenn wir vorbereitet sind, liegt große Hoffnung sowohl im Leben als auch im Tod. Wenn wir uns dem Tod und dem Sterben stellen, begegnen wir dem Leben.

Herr Peter T., 53 Jahre alt, akademischer Maler, lebt seit seiner Erkrankung bei seiner Partnerin. Seine Diagnose: Verdacht auf Gehirntumor oder multiple Hirnmetastasen bei unbekanntem ­Primum, genauere Abklärung lehnt Herr T. ab.
Das Mobile Palliativteam beginnt mit der Betreuung nach Intervention des Hausarztes, der sich mit unseren Palliativärzten bezüglich weiter­führender Schmerztherapie und Symptom­behandlung beraten hat.

Ich lerne Herrn T. Anfang Mai kennen, betrete ein helles Wohnzimmer, er „residiert“ auf einer großen, roten Couch, nur mit einem Tuch bekleidet, und bestimmt von dort aus, was passiert. Er ist umgeben von seinen selbst gemalten Ikonen, deren Entstehungsgeschichte er mir im Laufe der Betreuung erklärt. Er hört Musik, die auch ich vor 20 Jahren gehört habe – wir sind gleich alt. Zuerst will er wissen, wer ich bin. Ich erzähle von mir und weiß, dass ich mich auf einen ungewöhnlichen Prozess einlasse, der mit keiner anderen Begleitung zu vergleichen sein wird. Das ist besonders herausfordernd, aber auch schön, jede Begleitung ist einzigartig, jede Begegnung frisch und neu.

Konzepte und Standards haben hier kaum Platz. Nachdem er sich sicher war, dass er „mit mir kann“, sprechen wir gemeinsam über alles, was relevant und wichtig für unser Zusammenarbeiten sein könnte. Herr T. ist sehr selbstbestimmt und darauf bedacht, seine Autonomie uneingeschränkt zu behalten. Er erwartet, dass das Palliativteam mit ihm am selben Strang zieht, um den „Fremdkörper in seinem Kopf“ zu besiegen. „Gemeinsam sind wir stärker“ lautet sein unermüdlicher Appell. Wir sind Diplomierte Pflegepersonen, Palliativärzte, eine ehrenamtliche Mitarbeiterin und eine Seelsorgerin, die ihn jeden Tag abwechselnd betreuen. Die täglich stattfindenden Dienstbesprechungen helfen uns, eine adäquate Betreuung und Begleitung zu finden und unsere Lasten abzuladen.

Jeder Besuch bei ihm ist eine Herausforderung; nie wissen wir, was uns diesmal erwartet. Die Pflegeplanung wird regelmäßig über den Haufen geworfen. Es kann sein, dass er Körperpflege unwichtig findet, im Vergleich zu einem guten Gespräch über die Kunst, die Liebe und das Leben. Das Frühstück, das ich ihm zubereite, bleibt dann doch stehen, ich drehe ihm eine Zigarette, weil er das selber nicht mehr schafft.
Und er freut sich auf den Besuch unserer ehrenamtlichen Mitarbeiterin, die er gerne in Gespräche über Glaube, Sinn und Hoffnung verwickelt.

Der schmerzende Arm wird mit Topfenwickeln versorgt, weil ihm die Kühle guttut. Einen großen Beitrag in der täglichen Betreuung leistet seine Partnerin. Sie wird von uns angeleitet, was Lagerung, Medikamentenverabreichung und andere spezielle Pflegemaßnahmen betrifft. Auch emotional stützen wir sie, so gut wir können. Sie bekommt viel von seinem Zorn und seiner Ungeduld ab. Wir entlasten sie durch unsere täglichen Besuche, die bis zu zwei Stunden dauern. Sie nimmt dann ein Bad, liest, erledigt Einkäufe oder geht spazieren.

Ein Backenzahn ist hoch entzündet und bereitet ihm immer mehr Beschwerden. Er wird antibio­tisch abgeschirmt. Seine Zahnärztin erklärt sich bereit, einen Hausbesuch zu machen. Wir improvisieren und operieren fast eine Stunde lang, ich stehe auf der Couch mit einer Arbeitslampe und simuliere OP-Licht. Die Zahnärztin und ihre Assistentin arbeiten am Kopfende, seine Partnerin hält die Hand von Herrn T. und macht Fotos. Zum Schluss braucht die Zahnärztin einen Schnaps, Herr T. stimmt sofort zu und wir trinken alle gemeinsam ein Gläschen Grappa, wir sind geschafft und erleichtert zugleich.

Herr T. wünscht sich, wieder einmal ein Vollbad zu nehmen. In seiner Sitzbadewanne ist dies unmöglich geworden. Er hat vermehrt Schmerzen in der rechten Schulter und oberen Extremität und zunehmend Schluckbeschwerden. Gemeinsam mit ihm, seiner Partnerin und unseren Ärzten wird eine Aufnahme auf unsere Palliativstation beschlossen. Bei dieser Gelegenheit soll er auf eine subkutane Schmerzpumpe umgestellt werden. Vorab gibt es noch eine Diskussion mit dem Sanitäter des Rettungswagens, der uns auf die Station bringen soll. Er will unbedingt, dass sich Herr T. auf dem Weg dorthin in einem Krankenhaus röntgen und untersuchen lässt, um abzuklären, ob eine Fraktur des rechten Oberarms vorliegt. Ich muss sehr vehement werden, um ihm klar zu machen, dass dies eine große Belastung für Herrn T. bedeutet, keinerlei Konsequenzen hätte und deshalb unterbleiben wird.

Ein paar Tage später kommt Herr T. wieder nach Hause. Wir haben inzwischen mit seinem Einverständnis im Wohnzimmer ein Krankenbett aufgestellt, das verschoben werden kann und ihn unterschiedliche Perspektiven im Raum einnehmen lässt.

Herr T. wird zunehmend ungeduldiger, zorniger und ermüdet schneller. Er wirft uns vor, „schwarze Flügel“ zu tragen, statt ihn in seinem „Kampf gegen den Fremdkörper in seinem Kopf“ zu unterstützen.

Ich bekomme am Ende eines anstrengenden und intensiven Wochenenddienstes bei meinem dritten Besuch am Sonntag seine ganze Wut ab. Er sieht seine Autonomie und seine Hoffnung auf Genesung zusehends schwinden. Auch seine Partnerin wird verbal attackiert, sein engster Freund während eines Telefonanrufes nicht verschont. Ich spüre den starken inneren Drang, einfach zu gehen, entscheide mich aber bewusst dafür, zu bleiben und diese für uns alle extreme Situation auszuhalten. Er konfrontiert mich mit dem Vorwurf, feige zu sein. Mit Bestimmtheit antworte ich, dass dem nicht so sei. Anderenfalls wäre ich schon gegangen.

Ich trete zurück als Handelnde und gebe ihm Raum, sich nach innen zu wenden. Ich bin nicht dafür da, einen Sinn zu suchen oder zu erklären. Ich bin nur stille Zeugin. Momente geteilter Ohnmacht sind Augenblicke, in denen ich keine Angst habe, in Kontakt zu treten. Um einen Menschen da abholen zu können, wo er steht, müssen wir in Kontakt mit uns selbst sein. Ich übe mich darin, mit mir selbst möglichst transparent zu sein. Ich versuche, nur zu beobachten, nicht vorschnell zu urteilen. Ich möchte völlig offen, neugierig und ohne Vorstellung bleiben. Ich versuche, mich zurückzunehmen und somit meinem Gegenüber genügend Raum zu geben. Hier kommt es auf meine Haltung an. Und dass ich meine Gefühle ernst nehme. Sie ermöglichen mir, mich selbst wahrzunehmen und nicht zu verdrängen. Ich übe mich darin, ein lernender Mensch und immer beweglich zu sein. Ich möchte wissen, wer mein Gegenüber ist, was er will und was er braucht. Diese Auseinandersetzung mit Herrn T. ist so etwas wie eine Schlüsselsituation für mich. Und das nur, weil ich gesagt hatte, was ich fühle.
Die Reaktion von Herrn T. auf meine Antwort ist, dass er ruhiger und sanfter wird. Er äußert sogar Verständnis für seine Partnerin und seine Freunde, die ihn nicht loslassen wollen. Ich verabschiede mich von ihm. Beide wissen wir, dass es kein Wiedersehen mehr gibt.

Ich verlasse die Wohnung, aufgewühlt und traurig. Diese Begegnung mit Herrn T. ist mir näher gegangen, als ich es erwartet hatte. Auf der Straße kommen mir die Tränen. Und ich bin froh um diese Möglichkeit, meine Emotionen fließen zu lassen, mich wahrzunehmen als jemanden, der zwar professionell, aber trotzdem berührbar geblieben ist.

Tags darauf – bei der täglichen Dienstbesprechung – kann ich nochmals erzählen und gleichzeitig reflektieren. Es tut gut, diesen Platz zu haben, auch um abzuladen, auch um die Last mit denen zu teilen, die wissen, wovon ich spreche.
Seit unserer intensiven Auseinandersetzung am Sonntagabend hatte sich etwas verändert bei Herrn T. Die darauf folgende Nacht verläuft ruhiger als die vorherigen. Herr T. schläft auch tagsüber viel. Es treten vermehrt Atempausen auf und ein paar Tage später schläft er im Beisein seiner Partnerin friedlich ein.

Herr T. wurde für mich so etwas wie mein „Meister­patient“. Jemand, der sich an mir gemessen hat, der Widerstand geboten und sich gewehrt hat, ein „guter“, ein angepasster Patient zu sein. Eine Persönlichkeit mit großem Autonomiebedürfnis und starkem Willen bis zum Schluss. Bis er nachgeben, sich fallenlassen und dann tatsächlich sterben konnte. ||

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